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Ein halbes Jahrhundert gelebtes Europa

Auch nach 50 Jahren ist die Freundschaft zwischen Prad und dem Landkreis Neu-Ulm jung geblieben

Seit nunmehr 50 Jahren besteht die Partnerschaft zwischen der Marktgemeinde Prad am Stilfserjoch in Südtirol und dem Landkreis Neu-Ulm. 1969 beschlossen, wurde 1970 die Gründung der ursprünglichen Patenschaft beurkundet. Am 18. und 19. Mai 2019 kommen jetzt rund 130 Praderinnen und Prader zu Besuch, um mit den Freundinnen und Freunden aus dem Landkreis Neu-Ulm ihr Jubiläum zu feiern. Am Samstag steigt der Festabend im Sendener Bürgerhaus (nur für geladene Gäste). Am Sonntag wird gemeinsam Gottesdienst in der Roggenburger Klosterkirche gefeiert. Anschließend findet im Prälatenhof einen Bürgerempfang statt. Dazu und zur vorangehenden Messe sind alle interessierten Bürgerinnen und Bürger sehr herzlich eingeladen.

Am Anfang der Verbindung zwischen Prad am Stilfserjoch und dem Landkreis Neu-Ulm stand eine Begegnung zweier Männer in Würzburg. 1968 trafen sich bei einer Veran­staltung des Bayerischen Gemeindetages zufällig der aus Prad stammende damalige Geschäftsführer des Südtiroler Gemeindeverbandes, Dr. Anton Karner, und der damalige Bürgermeister von Pfuhl, Karl Salzmann, und kamen miteinander ins Gespräch. Salzmann, der den Alt-Landkreis Neu-Ulm im Gemeindetag vertrat, erzählte Dr. Karner, dass Landrat Dr. Max Rauth und der Kreisausschuss schon lange den Wunsch hegten, direkt einer Not leidenden Südtiroler Gemeinde unter die Arme zu greifen, anstatt allgemeine Zuwendungen an deutsche Hilfsorganisationen zu geben, die das zu der Zeit wirtschaftlich darbende Südtirol unterstützten.

Dr. Karner schlug Prad vor, damals eine der ärmsten Ge­meinden in ganz Südtirol. Sein Heimatort benötige drin­gend einen neuen Kindergarten, sei aber außerstande, einen solchen zu bauen und einzurichten, weil der Kom­mune dazu das Geld fehle. Prad zählte damals 2.800 Einwohner (heute: gut 3.600). Es besaß eine Kleinindustrie, die Blusen erzeugte. Davon abgesehen war es landwirtschaftlich geprägt. Die kleinen Bergbauernhöfe warfen oft nicht genug Ertrag ab, um eine sechsköpfige oder noch grö­ßere Familie zu ernähren. Viele Männer mussten sich als Waldarbeiter Geld hinzuverdienen oder gingen zum Arbeiten in die benachbarte Schweiz. Der Tourismus, der sich später zum Haupterwerbszweig entwickeln sollte, steckte damals noch in seinen Kinderschuhen.

Im Juli 1969 kam eine kleine Abordnung des Landkrei­ses Neu-Ulm mit Landrat Dr. Rauth an der Spitze erst­mals zu Besuch nach Prad und knüpfte erste Kontak­te. Nur zwei Monate später, im September 1969, reiste der Landrat wieder nach Südtirol, diesmal in Begleitung der Mitglieder des Kreisausschusses. Zusammen beschlossen sie am 13. September bei einer außerordent­lichen Sitzung in der Furkelhütte oberhalb von Prad, mit der Gemeinde Prad am Stilfserjoch ein Freundschafts­verhältnis in Form einer „Patenschaft“ zu begründen. Am 30. September 1969 folgte der Neu-Ulmer Kreis­tag einstimmig der Empfehlung des Kreisausschus­ses (Sitzung auf der Furkelhütte) und beschloss, die Patenschaft für die Südtiroler Gemeinde Prad am Stilfserjoch zu übernehmen.

Zur Begründung dieser Patenschaft kamen vom 22. bis zum 24. Mai 1970 der Pra­der Bürgermeister und Gemeinderat mit etwa 80 Bür­gerinnen und Bürgern in den Landkreis Neu-Ulm. Am 23. Mai 1970 fand im Refektorium des Klosters Rog­genburg eine feierliche Kreistagssitzung statt, bei der Landrat Dr. Rauth Bürgermeister Stillebacher die Pa­tenschaftsurkunde überreichte. Sie hat folgenden Wort­laut: „Der Landkreis Neu-Ulm wünscht aufrichtigen Herzens, in brüderlicher Weise und über alle Gren­zen hinweg mitzubauen an einem geeinten Europa. Er bekundet eine besondere Zuneigung zum Südtiroler Volk und bietet der Gemeinde Prad am Stilfserjoch die Freundeshand. Gott segne diese Freundschaft und die Menschen, die sie tragen.“ In diesem Sinne wurden die neu geknüpften Freund­schaftsbande am Abend des 23. Mai im Rahmen der Sendener Heimatwoche im Festzelt mit 2000 Gästen bei einem Südtiroler Heimatabend gebüh­rend gefeiert.

Vorrangiger Zweck der „Patenschaft“ war zunächst die Unterstützung des „Patenkindes“. Über die finanzielle und baufachliche Förderung des Kindergartenbaus hin­aus, der 1976 einzugsfertig war, schickte der „Patenon­kel“ im Spätherbst 1971 Hilfsgelder nach Prad, die auf dem eingerichteten Spendenkonto für den Wiederaufbau der abgebrannten Wallfahrtskirche St. Georg im Prader Ortsteil Agums eingegangen waren. Und im September 1981 konnte am Ufer des Suldenbachs die St. Nepomuk-Kapelle feierlich eingeweiht werden, deren Renovierung ebenfalls der Landkreis Neu-Ulm ermöglicht hatte.

Heute, 50 Jahre nach jenem wegweisenden Beschluss auf der Furkelhütte, trifft der Begriff „Patenschaft“ den Charakter der Verbindung, die Prad und der Land­kreis Neu-Ulm unterhalten, längst nicht mehr. Die Ur­sprungsintention der finanziellen Unterstützung hat sich erledigt, weil Prad, gelegen im paradiesischen Natio­nalpark Stilfserjoch mit dem majestätischen Ortler als höchster Erhebung, sich im Laufe der Jahrzehnte „zu einem prosperierenden, blühenden Gemeinwesen entwickelt hat“, wie stellvertretender Landrat Franz-Clemens Brechtel sagt, der von 1982 bis 1996 im Landratsamt für die Partnerschaft zuständig war.

Unter den Landräten Dr. Max Rauth (1964 – 73), Franz Josef Schick (1974 – 1996), Erich Josef Geßner (1996 – 2014) und Thorsten Freudenberger (seit 2014) sowie den Prader Bürgermeistern Georg Stillebacher (1969 – 1985), Herbert Gapp (1985 – 2005), Dr. Hubert Pinggera (2005 – 2015) und Dr. Karl Bernhart (seit 2015) hat sich die Patenschaft zur Partnerschaft auf Augenhöhe entwickelt. Im Laufe der Zeit bildeten sich viele persönliche Freundschaften zwischen den Men­schen. Zahlreiche Begegnungen – längst nicht mehr nur der Kommunalpolitiker, sondern auch und besonders von Jugend-, Sport- oder Kultur­gruppen, Feuerwehren und anderen Vereinen – prägten und prägen die Partnerschaft.

In Begegnungen, wie denen zwischen Pradern und den Bürgerinnen und Bürgern des Landkreises Neu-Ulm, „wird Europa lebendig“, sagt Landrat Thorsten Freudenberger. „Wir sind sehr stolz, dass wir die über Generationen verwurzelte Partnerschaft weiterführen dürfen und können.“

INFO: Jubiläumsprogramm

© Rosi Feldes E-Mail

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