BCKategorie 13.05.2015 11:57:52 Uhr

Geschichte der Archäologie im Landkreis Neu-Ulm

Das Interesse an den Hinterlassenschaften der Menschen vergangener Epochen hat in unserem Raum eine lange Tradition. Sowohl im Altlandkreis Neu-Ulm als auch im Altkreis Illertissen fanden erste archäologische Untersuchungen in Form von Grabhügelöffnungen bereits im 19. Jahrhundert statt.

In Illertissen war der Apotheker Hummel beim Bau seines Hauses auf alamannische Reihengräber gestoßen. Der von ihm verständigte Historische Verein Augsburg untersuchte 1858/59 weitere Reihengräber südlich der Apothekerstraße und schließlich setzte der Zweigverein Memmingen der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft die Grabungen in dem Reihengräberfeld fort. Die Funde gelangten dadurch in die Museen von Augsburg bzw. Memmingen.

Der Illertissener Kreisheimatpfleger Josef Regner konnte in den Jahren 1954/55 bei Baggerarbeiten auf dem Molkereigelände Beigaben von ca. 10 zerstörten Bestattungen und eine mit besonders reichen Beigaben ausgestattete weibliche Bestattung bei Kanalisationsarbeiten im Schulweg zwischen Apothekerstraße und Bischof-Ulrich-Schule bergen.

Der Zweigverein Memmingen der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft war es auch, der ganz im Süden des Landkreises, zwischen Kellmünz und Weiler, einen großen Grabhügel, den Fuchsbühel, schnitt und die bronzezeitlichen Fundstücke ins Memminger Museum verbrachte.

In Kellmünz war man im Jahre 1900 beim Ausbau der Wasserleitung auf Mauerreste des spätrömischen Kastells Caelius Mons gestoßen. Von 1901-1913 grub die ortsansässige Familie Linder1 Teile der Festungsmauern aus, brach aus den Fundamenten wertvolle Spolien und veräußerte diese an die Königliche Antikensammlung2. 1952 erregte Kellmünz erneut die Aufmerksamkeit der Archäologen, als bei Aushubarbeiten für einen Neubau ein Schatz römischer Münzen aus dem frühen 4. Jahrhundert geborgen werden konnte. In den Jahren von 1986 bis 1993 untersuchten Archäologen und Studenten unter der Leitung von Dr. Michael Mackensen im Auftrag der Spätrömischen Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften die Reste der Wehranlagen und Teile des Innenbereichs3. Diese Ergebnisse führten zu dem vom Kreisarchäologen angeregten Bau des Archäologischen Parks Kellmünz durch den Landkreis Neu-Ulm. Dr. Mackensen hatte bereits in den Sommermonaten 1983-1985 im Landkreis Neu-Ulm mit Studenten und örtlichen Helfern die beiden frühkaiserzeitlichen römischen Kleinkastelle Nersingen und Burlafingen ausgegraben4 und den Bereich des Burgus Finningen untersucht.

Im Landkreis Neu-Ulm waren schon 1815 bei Weißenhorn fünf hallstattzeitliche Grabhügel und 1830 bei Illerberg drei Hügel geöffnet worden. Im Buchwald bei Reutti und auch bei Neubronn wurden in der Mitte des 19. Jahrhunderts Grabhügel durchgegraben. Damals bei Reutti geborgene hallstattzeitliche Funde gehören heute dem Württembergischen Landesmuseum Stuttgart5.

Mit der Gründung des Historischen Vereins Neu-Ulm im Jahre 1907 und eines 1908 eröffneten Museums begannen systematische archäologische Grabungen im gesamten Neu-Ulmer Kreisgebiet. Der Vorsitzende des Vereins, Realschulrektor Friedrich Dorner, grub 1910 die Hügelgräber 1-5 des hallstattzeitlichen Schlüsselhof-Gräberfeldes in Neu-Ulm Schwaighofen aus und Pfarrer Anton Ilg aus Straß (*1867, †1916), in Personalunion 2. Vorsitzender des Vereins und Museumskonservator, füllte durch zahlreiche Grabungen6 die prähistorische Abteilung des Neu-Ulmer Heimatmuseums.

In den zwanziger Jahren betätigte sich Generalleutnant a. D. Michahelles als Vereinsarchäologe7 und inventarisierte die Grabungsfunde im Museum. Major von Kuepach legte Gemeindeakten an und Michahelles trug die vor- und frühgeschichtlichen Fundstellen in Katasterblätter ein8.

In den Nachkriegsjahren führte Heimatpfleger Arthur Benz bis in die sechziger Jahre Notbergungen durch, ebenso der Ulmer Stadtarchäologe Albrecht Rieber. Benz bewahrte auch wesentliche Teile des Museumsbestandes vor der Zerstörung durch Kriegseinwirkung und machte die Sammlungen wieder für die Öffentlichkeit zugänglich9.

In den 60er bis 80er Jahren war in Weißenhorn eine archäologische Arbeitsgruppe tätig, als deren Mitglieder besonders Johann Burkhart, Kilian Gaus und Anton Knoll zu nennen sind. Sie erwarben sich große Verdienste durch die Bergung spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Keramik und Gläser aus zahlreichen Baugruben im Stadtgebiet; denn diese Funde lassen die Bedeutung Weißenhorns als Hafnerstadt erkennen10.

In den Jahren 1967-1984 war die Ulmer Gymnasiallehrerin Frau Dr. Emma Pressmar Kreisheimatpflegerin. Unter ihrer Leitung wurden 7 Grabungen11 im Landkreis durchgeführt. 1969 erfolgte durch sie die Neuaufstellung der Prähistorischen Abteilung im neuen Heimatmuseum, für welche sie auch einen kurzen Führer verfasste. Durch zahlreiche Führungen, Vorträge und Publikationen ihrer Grabungsergebnisse12 gelang es ihr, bei einer breiten Öffentlichkeit Interesse für die Archäologie zu wecken.

Anmerkungen:

1 Neben dem Vater Roman Linder arbeiteten bei den Grabungen auch die Söhne Johann, Ottmar und Franz mit. Von Johann Linder, Justizrat in Memmingen, stammen auch mehrere Veröffentlichungen der Grabungsergebnisse. Franz Linder hielt Befunde und Funde mit einer Plattenkamera fotografisch fest.
2 In den Fundamenten der spätantiken Festung waren zahlreiche Spolien, Bruchstücke römischer Grabdenkmäler – bekannt ist vor allem die „Dame mit dem Schoßhündchen“ - und Architektur-Teile von Gebäuden eingebaut worden. Die Linders brachen diese wertvollen Bauteile aus den Fundamenten und veräußerten sie mit Billigung des zuständigen Referenten des Kgl. Generalkonservatoriums der Kunstdenkmale und Altertümer Bayerns, Paul Reinecke, an das Bayer. Nationalmuseum in München.
3 Mackensen, M. 1995: Das spätrömische Grenzkastell Caelius Mons in Kellmünz an der Iller. Führer zu archäologischen Denkmälern in Bayern – Schwaben, Band 3.
4 Mackensen, M. 1987: Frühkaiserzeitliche Kleinkastelle bei Nersingen und Burlafingen an der oberen Donau. Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte, Band 41.
5 Es sind dies ein verzierter Klappervogel aus Ton und eine polychrome, ovale Schale, welche durch eine Zwischenwand in zwei Hälften geteilt ist.
6 Die wichtigsten von Pfarrer Anton Ilg zwischen 1909 und 1913 durchgeführten Grabungen:
Hallstattzeitliches Gräberfeld im Wald bei Remmeltshofen.
Hallstattzeitliche Grabhügel im Wald „Neuheidle“ bei Kadeltshofen und im Kadeltshofer Gemeindewald.
Großer hallstattzeitlicher Grabhügel mit reichen Grabbeigaben im Oberfahlheimer Kirchholz.
Untersuchungen an der spätkeltischen Viereckschanze bei Raunertshofen.
Erforschung des Verlaufs und der Beschaffenheit des Straßenkörpers der römischen Donausüdstraße.
Freilegung mehrerer Hausgrundrisse der römischen Siedlung Straß und Untersuchung des gallo-römischen Umgangstempels.
Bergung des römischen Friedhofs Straß.
Untersuchung von Mauerresten der spätrömischen Burgi von Finningen und Straß.
7 Die Grabungen von Michahelles:
Hallstattzeitliche Grabhügel 5-8 des Schlüsselhof-Gräberfeldes bei Neu-Ulm/Schwaighofen.
Suche nach römischen Siedlungsresten im Raum Ludwigsfeld/Gerlenhofen.
Entdeckung und erste Grabungen im Kastell Unterkirchberg auf der Württembergischen Illerseite.
8 Ulmer Winkel 2, 1921
9 Stadt Neu-Ulm 1869-1994. Texte und Bilder zur Geschichte, S. 498 f.
10 Die zahlreichen Fundstücke sind in der Ausstellung der Archäologischen Sammlung der Stadt Weißenhorn zu besichtigen.
11 Die Grabungen von Frau Dr. Emma Pressmar:
1970/71 Grabung alamannischer Skelette in Nersingen.
1971 Grabung spätlatènezeitlicher Siedlungsfunde in Nersingen.
1972 Grabung alamannischer Skelette in Straß, Kiesgrube Epple beim Lohhof.
1974 Nachgrabung der Hallstatthügel bei Aufheim, Im Stockach, wegen des Autobahnbaus.
1974/75 Grabung Elchinger Kreuz.
1981 Grabung des merowingerzeitlichen Grabhügels im Reudelberg-Moosholz bei Emershofen.
1983/87 Beaufsichtigung der Grabungen in Bellenberg, Schwarzäcker.
12 Die wichtigsten Publikationen:
Pressmar, E., 1938: Vor- und Frühgeschichte des Ulmer Winkels auf bodenkundlicher Grundlage.
Pressmar, E.: Spätlatènezeitliche Siedlungsfunde von Nersingen, Ldkr. Neu-Ulm/Donau. In: BVbl., Jahrgang 39 1974, S. 66 ff.
Pressmar, E., 1979: Elchinger Kreuz, Ldkr. Neu-Ulm. Siedlungsgrabung mit urnenfelderzeitlichem Töpferofen. Kataloge der Prähistorischen Staatssammlung Nr. 19.
Pressmar, E.: Ein Grabhügel bei Emershofen, Ldkr. Neu-Ulm mit Kreisgraben der Zeit um 700 n. Chr. In: BVbl. Jahrgang 49 1984, S. 257 ff.
Pressmar, E. 1989: Bellenberg im Ldkr. Neu-Ulm. Die Grabungen 1983-1987. Kataloge der Prähistorischen Staatssammlung Nr. 23.

Zurück

Bildungsregion

 

Aktuelle Mitteilungen

Ausstellungen